Nachlass Hans und Gerlinde Haid

Biografisches

Mein Vater Hans Haid (1938-2019) stammte aus Längenfeld im Ötztal. Er war Schriftsteller und Volkskundler.

Ich verbrachte ebenfalls mit meinem Bruder und meiner Mutter meine ersten Jahre in Längenfeld. Nach der Scheidung meiner Eltern übersiedelten wir mit der Mutter nach Wien.

Im zweiten Bildungsweg maturierte mein Vater und begann dann ein Volkskunde-Studium in Wien. Dort lernte er seine zweite Frau, Gerlinde Hofer (aus Bad Aussee) kennen.

Das Bild zeigt ihre gemeinsame Promotion an der Universität Wien am 19. Juni 1974.

Gerlinde Haid (1942-2012) widmete sich der Volksmusikforschung, gründete das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie (IVE) an der Musikuniversität Wien (MDW).

Gerlinde & Hans Haid reisten und forschten gemeinsam und sammelten im Laufe der Zeit unglaublich viel Bücher, Schallplatten, Tonbänder, Musikkassetten, Zeitschriften, Bildmaterial, Noten, etc.

Verteilung des Nachlasses

Einen Teil der umfangreichen Sammlung übergaben Gerlinde & Hans Haid bereits als Vorlässe und Schenkungen an diverse Institutionen.

Nach dem Tod der beiden bearbeiteten mein Bruder und ich den Nachlass. Wir konnten weitere Teile – ganz im Sinne der beiden – an Museen, Sammlungen und Forschungseinrichtungen abgeben.
Es steckt(e) viel Arbeit dahinter, aber es hat sich gelohnt, da jetzt die Sammlungsteile an jenen Stellen sind, wo sie optimal aufgearbeitet werden können.

Hier ein Übersicht, wie die „Sammlung Haid“ verteilt wurde:

  • Literarischer Nachlass Hans Haid: Brenner-Archiv der Universität Innsbruck
  • Sammlung „Alpen“: Museum der Marktgemeinde Arnoldstein (ab 2023)
  • Ötztal Sammlung (Bücher, Zeitschriften, Fotos, Dias, Videos, …): Ötztal Museen
  • Sammlungsobjekte Volkskunst: Volkskunstmuseum Innsbruck, Bauernhöfemuseum Kramsach und Ötztaler Heimatmuseum
  • CDs und Schallplatten mit Volksmusik aus den Alpen: ein Teil an das Archiv des ORF
  • Folksammlung Haid: Vorarlberger Landeskonservatorium
  • Alte (überwiegend geistliche) Bücher:  Pfarrarchiv Flirsch

Literarischer Nachlass von Hans Haid

Mein Vater war seit den 1970er Jahren literarisch aktiv.

Er schrieb vier Romane: Abseits von Oberlangdorf; Similaun; Die Landgeherin; Es kann sein, dass dann die Schatten kommen.

Er verfasste eine Vielzahl an Gedichten in Ötztaler Dialekt. Eine Auswahl von drei tourismuskritischen Gedichten habe ich hier weiter unten veröffentlich. Auch ein Beispiel von Hans Haid im Originalton kannst du hier anhören. Er liest das Gedicht „gehüenooglt“.

Dazu schrieb er eine Reihe an Sachbüchern, meist mit Alpen-Bezug und aus kulturgeschichtlicher Sicht: Lawinen, Naturkatastrophen, Schafe, Gletscher, Handwerk, …

Dazu hinterließ er noch zahlreiche Artikel, Hörspiele, Theaterstücke, Glossen, Leserbriefe, …

Die Restbestände der Bücher meines Vaters bewahre ich nun bei mir in Juns auf.

Von manchen Büchern gibt es noch größere Bestände, von anderen nur noch einige wenige Restexemplare. Alle können auf der Website www.hans-haid.at online bestellt werden.

Bücher von Hans Haid (Nachlass)

Hans Haid: eine kleine Gedicht-Auswahl zum Thema Tourismus

Bekannt war mein Vater auch als „Tourismuskritiker„. Er äußerte sich meist sehr pointiert zu Auswüchsen des Massentourismus, speziell im Ötztal.

zmöern
fier olle gäschte
a messle
leesn

vöermittooge
a faldmesse
mit oll foonen
und muusig

nommetooge
in koppelan
di galtmiil
innscholtn

znochts
bis mitternocht
olle fearnar
röet oonleichtn

zmöerns
bei dr messe
di galtmiil
auslaarn

in der früh
für alle gäste
eine heilige messe
lesen

am vormittag e
ine feldmesse
mit allen fahnen
und der musik

am nachmittag
in der kapelle
die geldmühle
einschalten

in der nacht
bis mitternacht
alle gletscher
rot anleuchten

in der früh
bei der messe
die geldmühle
ausleeren

erschienen in: Umms Darf ummha Droot. Lieder, Dokumente und Gedichte aus dem Ötztal. Von und mit Hans Haid und anderen Ötztalern. Textheft zu IDI-Ton 5. IDI-Österreich, Wien – Reinprechtspölla 1979, S. 81

ein TALKAISER
wompat
galtig
oongfressn
vrsöffn
oan lift
zwoa lifte
a soalboon
alles im FAMILIENBESITZ
ummedumm
olles
alles im FAMILIENBESITZ
sall wöll
hott ar gseet
iibrn triel
is fette
ohnhängen
di hösa
mit an guldan riemen
an pauche
völlgsöffn
schnaufn
GALT
OLLM LEI GALT
einer von ihnen:
sie nennen ihn
den TALKAISER

ein TALKAISER
dick
voller geld
angefressen
versoffen
einen lift
zwei lifte
eine seilbahn
alles im familienbesitz
rundherum
alles
im familienbesitz
das wohl
hat er gesagt
über den mund
das fett
hängen
die hose mit einem
goldenen riemen
auf dem bauch
vollgesoffen
schnaufen
GELD
immer nur GELD
einer von ihnen:
sie nennen ihn
den TALKAISER

Erschienen in: Hans Haid. Prosa und Gedichte, Blickpunkt Verlag Walser KG, Telfs 1985, S. 66

innhn in fearnar
a schtrooße
mötöörn drau
aukrotzn aureißn zommschiebm
schintn
eel nocha
in schlauch drissn
innhn ins eis
dreck und eel
gschtarbm
untn virhakeemen
vierchzig joor schpaatar
tausig joor schpaatar
5300 joor drnoch
innhn in die schneabaar
grööbe mötöörn drau
aukrotzn oonschiebm innhn drmit
galt virha
eelwompen
galtwompen
olles niidrmochn
kassiern
sunntog kircha gean scheinheilig schpeisn
schtinkn fressn saufn schpeibm
AMEN
und a kreizle drau
olles gezoolt olles gezoolt
mier hoobms jo sallwöll….

hinein in die gletscher
eine straße hinauf
motoren auf dem eis
aufkratzen aufreißen zusammenschieben
schinden
und öl heraus
der schlauch zerrissen
hinein in das eis
dreck und öl
gestorben
unten herausgekommen
40 jahre später
1000 jahre später
5300 jahre später
hinein in die schneebar
grobe motoren
aufkratzen anschieben hinein damit
geld heraus
ölwampen
geldwampen
alles niedermachen
und kassieren
am sonntag scheinheilig zur heiligen messe kommunionempfang hostie hinein
stinken fressen saufen erbrechen
AMEN
und ein kreuzchen drauf
alles gezahlt alles gezahlt
wir haben es ja,
wohl wohl ja ja

Erschienen in: Hans Haid. Prosa und Gedichte, Blickpunkt Verlag Walser KG, Telfs 1985, S. 66

Hans Haid liest sein Gedicht „gehüenooglt“

gehüenooglt
orms maadele
gehüeschtet
schtrauka
orms maadele
olm sella
gehüeschte
eppan goor
a weag fiebr
grantenwasser
trinken
oftr wöll
wearchte seahn
olm sella
güete granten
drhoamat
kimm decht
tüe a raschtle
hintrn ööfn
dinnan
margn ischt olles
güet
sall wöll
und nö a bussle
drau

steif gefroren
armes mädchen
gehustet
katharrh
armes mädchen
immer solche
husterei
etwa gar
ein wenig fieber
preiselbeerwasser
trinken
dann wohl
wirst du sehen
immer solche
gute preiselbeeren
daheim
komme doch
raste dich aus
hinter dem ofen
dort
morgen ist alles
gut
das wohl
und noch ein kuss
drauf

Hans Haid liest "gehüenooglt"

von Hans Haid

erschienen in: Poesie des Landlebens, Edition Löwenzahn, Innsbruck 1992, S. 14